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Eine Geschichte in sieben Kapiteln

Von Theben an die Limmat

Wie Heilige aus Ägypten die Schweiz geprägt haben und warum sich die Kopten hier zu Hause fühlen.

Der heilige Mauritius in Rüstung, dargestellt als Afrikaner, neben dem heiligen Erasmus
Der heilige Mauritius, dargestellt als Afrikaner, im Gespräch mit dem heiligen Erasmus. Matthias Grünewald, um 1520–1524, Alte Pinakothek München.

Wer in der Schweiz nach den Wurzeln des Christentums fragt, landet erstaunlich oft in Ägypten. Die Heiligen, nach denen hier Kirchen, Städte und eine Kathedrale benannt sind, kamen nach der Überlieferung aus der Thebais am Nil, aus dem Land der Kopten. Diese Seite erzählt ihre Geschichte, Kapitel für Kapitel.

Kapitel I

Aus Theben am Nil

Das Martyrium des heiligen Mauritius und der Thebäischen Legion. El Greco, 1580–1582, Escorial.
Das Martyrium des heiligen Mauritius und der Thebäischen Legion. El Greco, 1580–1582, Escorial.

Die Geschichte beginnt nicht in den Alpen, sondern am Nil. In Oberägypten, in der Landschaft Thebais rund um das heutige Luxor, sollen nach der Überlieferung jene Soldaten ausgehoben worden sein, die als Thebäische Legion in die Geschichte der Schweiz eingingen: Christen aus Ägypten, Glaubensgeschwister der Kopten von heute.

Um das Jahr 300, so erzählt es der Bericht, den Bischof Eucherius von Lyon um 440 aufschrieb, lag die Truppe bei Agaunum im Rhonetal, dem heutigen Saint-Maurice im Wallis. Kaiser Maximian verlangte von den Soldaten, an heidnischen Opfern und an der Verfolgung von Christen teilzunehmen. Sie weigerten sich. Der Kaiser liess sie dezimieren und schliesslich alle töten.

Ob es sich genau so zugetragen hat, ist in der Forschung umstritten; manches an der Erzählung passt nicht zusammen, etwa die grosse Zahl der Soldaten. Gesichert ist dagegen, dass die Märtyrer von Agaunum schon im 4. Jahrhundert verehrt wurden: Um 380 soll Bischof Theodul ihre Gebeine aufgefunden und in einer Grabkapelle am Felsen beigesetzt haben; eine solche frühe Memoria ist archäologisch nachgewiesen.

Wir sind deine Soldaten, Kaiser, und doch sind wir, das bekennen wir frei, Diener Gottes.

Nach der Passio des Eucherius von Lyon

Kapitel II

Saint-Maurice: ein Gebet seit 1500 Jahren

Ihr Anführer gab einem ganzen Ort seinen Namen: Mauritius, im Wallis zu Saint-Maurice geworden. Eucherius nennt neben ihm Exuperius und Candidus sowie den Veteranen Victor.

Beim Grab der Märtyrer gründete Sigismund, der spätere König der Burgunder, im Jahr 515 eine Abtei. Er führte dort einen Brauch aus dem christlichen Osten ein, die «laus perennis», das immerwährende Lob: Mehrere Mönchschöre lösten sich ab, sodass das Gebet Tag und Nacht nie verstummte.

Die Abtei versteht sich als das älteste ohne Unterbruch bewohnte Kloster des Abendlandes; seit 515 wird hier jeden Tag gebetet. 2014 und 2015 feierte sie ihr 1500-Jahr-Jubiläum. Im Kirchenschatz liegen bis heute die Schreine des heiligen Mauritius und des heiligen Sigismund aus dem 12. Jahrhundert.

Kapitel III

Zürich: Felix, Regula und Exuperantius

Felix, Regula und Exuperantius tragen ihre Häupter zur Grabstätte. Meister des Winkler-Epitaphs, Belvedere Wien.
Felix, Regula und Exuperantius tragen ihre Häupter zur Grabstätte. Meister des Winkler-Epitaphs, Belvedere Wien.

Nach der Überlieferung konnten zwei Geschwister aus der Legion entkommen: Felix und seine Schwester Regula. Sie flohen über das Glarnerland bis an die Limmat. In Zürich wurden sie gefangen, gefoltert und enthauptet. Die Legende erzählt, sie hätten danach ihre Häupter aufgenommen und seien vierzig Schritte weit gegangen, bis zu der Stelle, an der sie begraben sein wollten.

Das älteste Zeugnis für diese Erzählung ist eine Passio aus dem späten 8. Jahrhundert. Über dem verehrten Grab entstand im 9. Jahrhundert das Grossmünster; auch das Fraumünster und die Wasserkirche wurden zu Ehren der beiden gebaut.

Im 13. Jahrhundert kam Exuperantius als dritter Stadtheiliger hinzu. Seither erscheinen die drei auf Zürcher Siegeln und Münzen, die Häupter in den Händen. Ihr Gedenktag ist der 11. September.

Kapitel IV

Solothurn: Ursus und Victor

Weiter nördlich, an der Aare, erzählt Solothurn von zwei weiteren Thebäern: Ursus und Victor. Schon Eucherius berichtet, man erzähle, auch sie hätten zur Legion gehört und in Solothurn das Martyrium erlitten.

Ihre Verehrung lässt sich in Solothurn seit dem 5. Jahrhundert in Schrift und Stein nachweisen. Nach der Chronik des Fredegar liess die burgundische Prinzessin Sedeleuba um 500 vor Genf eine Victorskirche bauen und die Gebeine Victors dorthin bringen; Ursus blieb in Solothurn. Nach ihm ist die St.-Ursen-Kathedrale benannt, 1762 bis 1773 erbaut und seit 1828 Kathedrale des Bistums Basel. Ihr Gedenktag ist der 30. September.

Kapitel V

Verena: die Frau mit Krug und Kamm

Die Barmherzigkeit der heiligen Verena. Tafelbild aus Ditzingen, 1521–1524, Landesmuseum Württemberg, Stuttgart.
Die Barmherzigkeit der heiligen Verena. Tafelbild aus Ditzingen, 1521–1524, Landesmuseum Württemberg, Stuttgart.

Mit den Soldaten, so will es die Überlieferung, kam auch eine junge Frau aus einer thebäischen Familie in den Westen: Verena. Sie besuchte die Gräber der Märtyrer in Mailand und Agaunum und blieb danach im Land. Eine Zeit lang lebte sie zurückgezogen bei Solothurn, wo die Einsiedelei in der Verenaschlucht bis heute an sie erinnert.

Später zog sie nach Zurzach am Rhein. Nach der Legende pflegte sie dort Kranke und Arme, wusch sie und kämmte ihnen das Haar. Darum trägt sie auf den Bildern Krug und Kamm. In Zurzach ist sie nach der Überlieferung auch gestorben, wohl um die Mitte des 4. Jahrhunderts.

Die älteste Lebensbeschreibung entstand um 887 auf der Insel Reichenau. Ausgrabungen in Zurzach zeigen eine Taufkirche im Römerkastell und eine Memorialkirche des 5. Jahrhunderts an der Römerstrasse, Spuren einer frühen christlichen Gemeinde. Über ihrem Grab steht heute das Verenamünster. Im Westen wird sie am 1. September gefeiert, bei den Kopten am 4. Tout, meist dem 14. September.

Kapitel VI

Brücken zwischen Rhein und Nil

Lange kannte man Verena in Ägypten kaum. Das änderte sich, als Kopten und Schweizer einander fanden. Im Herbst 1986 brachte eine ökumenische Gruppe aus Zurzach eine Reliquie der heiligen Verena nach Kairo. Am Flughafen empfing die Gruppe Bischof Serapion, der ab 1982 die koptischen Gemeinden in der Schweiz betreut hatte; in einer Audienz bei Papst Shenouda III. übergab sie die Reliquie. 1994 weihte Papst Shenouda III. in Kairo eine Kirche auf den Namen des heiligen Mauritius und der heiligen Verena.

2004 weihte Papst Shenouda III. in Meyrin bei Genf die erste koptisch-orthodoxe Kirche der Schweiz und besuchte danach Saint-Maurice, um die Reliquien des heiligen Mauritius und seiner Gefährten zu verehren. 2007 schenkte Zurzach eine Verena-Reliquie für eine neue Kirche in Port Said, und aus Port Said kam eine koptische Verena-Ikone an den Rhein. 2012 übergab die Abtei Saint-Maurice Reliquien thebäischer Märtyrer für eine Kirche in Luxor, mitten in der alten Thebais.

Auch Papst Tawadros II. kam: Er besuchte das Verenamünster in Zurzach und 2014 die Abtei Saint-Maurice zu ihrem Jubiläum. Am 14. Mai 2019 weihte er in Grafstal die Kirche der heiligen Jungfrau Maria und der heiligen Verena, die erste geweihte koptische Kirche der Deutschschweiz.

Kapitel VII

Heute: ein Kreis schliesst sich

Göttliche Liturgie der koptisch-orthodoxen Gemeinde Biel in der Kirche St. Maria.
Göttliche Liturgie der koptisch-orthodoxen Gemeinde Biel in der Kirche St. Maria.

Die ersten Kopten kamen in den 1960er-Jahren in die Schweiz, zuerst vor allem als Studenten; 1962 trafen sie sich in Zürich zu ersten Zusammenkünften. Aus kleinen Kreisen wurden Gemeinden, heute mehrere hundert Familien in der ganzen Schweiz.

Kirchlich ist das Land zweigeteilt: Die Gemeinden der Deutschschweiz gehören zur Diözese Österreich und Deutschschweiz unter Bischof Anba Gabriel in Wien, die Gemeinden der Westschweiz zur Diözese der Westschweiz und Südfrankreichs unter Bischof Anba Louka in Genf. Viele Gemeinden sind in katholischen und reformierten Kirchen zu Gast, so auch wir in Biel, in der Kirche St. Maria.

Wenn Kopten heute nach Saint-Maurice, nach Zurzach oder an die Limmat pilgern, besuchen sie keine fremden Heiligen. Sie besuchen Glaubensgeschwister aus ihrer eigenen Heimat, die nach der Überlieferung vor über 1700 Jahren hier ihr Leben für Christus gaben. In jeder Göttlichen Liturgie, die wir hier feiern, lebt dieser Glaube weiter.

Zeitleiste

Von Agaunum bis Grafstal

  1. um 300Martyrium der Thebäischen Legion bei Agaunum, nach der Überlieferung
  2. um 380Bischof Theodul bestattet die Gebeine der Märtyrer in Agaunum
  3. um 440Eucherius von Lyon schreibt die Passio der Märtyrer von Agaunum
  4. 5. Jh.Verehrung von Ursus und Victor in Solothurn; frühe Kirchen in Zurzach
  5. 515Sigismund gründet die Abtei Saint-Maurice
  6. 9. Jh.Das Grossmünster entsteht über dem Grab von Felix und Regula
  7. 1962Erste Zusammenkünfte von Kopten in Zürich
  8. 1986Eine Verena-Reliquie aus Zurzach kommt nach Kairo
  9. 1994Papst Shenouda III. weiht in Kairo die Kirche St. Mauritius und St. Verena
  10. 2004Papst Shenouda III. weiht in Meyrin die erste koptische Kirche der Schweiz und besucht Saint-Maurice
  11. 2006Die Zürcher Gemeinde erwirbt in Dietlikon eine Kirche und widmet sie den Heiligen Markus und Mauritius
  12. 2012Reliquien der Thebäer aus Saint-Maurice für eine Kirche in Luxor
  13. 2014Papst Tawadros II. besucht die Abtei Saint-Maurice zum 1500-Jahr-Jubiläum
  14. 2019Papst Tawadros II. weiht in Grafstal die Kirche der heiligen Jungfrau Maria und der heiligen Verena

Die Geschichte geht weiter

Sie können sie mitfeiern: in einer unserer Göttlichen Liturgien in Biel oder in einer der koptischen Gemeinden in der ganzen Schweiz.

Quellen: Historisches Lexikon der Schweiz, Abtei Saint-Maurice, Schweizerische Kirchenzeitung, kath.ch und cath.ch. Wo die Überlieferung erzählt und die Geschichte schweigt, sagen wir es dazu.

Bildnachweise: Matthias Grünewald, Begegnung der Heiligen Erasmus und Mauritius, gemeinfrei, via Wikimedia Commons · El Greco, Martyrium des heiligen Mauritius, gemeinfrei, via Wikimedia Commons · Abteikirche Saint-Maurice: Foto Paul Bissegger, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons · Meister des Winkler-Epitaphs, Felix, Regula und Exuperantius, gemeinfrei, via Wikimedia Commons · St.-Ursen-Kathedrale: Foto Countdan, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons · Barmherzigkeit der heiligen Verena, Tafelbild 1524, Foto Andreas Praefcke, gemeinfrei, via Wikimedia Commons · Verenamünster Bad Zurzach: Foto Buchstapler, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons